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Der Pinzgau ist kein Jammertal

Beitrag von Petra Schiefer (uni:view)

Ob im Herbst ...

... im Sommer ...

... oder im Winter. Fotos: Leader Region Nationalpark Hohe Tauern

Saalbach, Zell am See, Kaprun: Wer die Gegend kennt, kommt wohl kaum auf die Idee, dass es sich um eine benachteiligte Region handeln könnte. Die Einheimischen sehen das jedoch ein wenig anders. Eine Studie von Uni Wien ForscherInnen zeigt, dass in der gefühlten Benachteiligung auch Chancen liegen.

"Ein Bürgermeister bemerkte, dass der Sprit bei ihnen im Ort am teuersten sei. Also haben wir kurzerhand die Preise der Tankstellen von Wien bis in den Oberpinzgau dokumentiert und diese Aussage widerlegt", berichtet Martin Heintel schmunzelnd. Der Regionalforscher der Universität Wien bringt damit exemplarisch auf den Punkt, was er gemeinsam mit seinem Team erreicht hat: "Wir haben ein Umdenken in der Region eingeleitet".

Blick von außen

Mit Region ist der Pinzgau gemeint, der politische Bezirk Zell am See im Südwesten des österreichischen Bundeslandes Salzburg mit den Städten Mittersill, Saalfelden am Steinernen Meer und Zell am See als Bezirkshauptstadt. Die Region ist vor allem als Tourismushochburg bekannt. "Sie hat eines der größten Skigebiete Österreichs, eine funktionierende Hotellerie und sogar in der periphersten Region des Oberpinzgaus gibt es in den Ortskernen kaum einen Leerstand", betont Heintel vom Institut für Geographie und Regionalforschung. Wenn man von außen auf die Region blickt, scheint es so, als ob es nichts zu Jammern gibt.
 
Benachteiligung in Zahlen fassen

Dennoch wird genau dies gerne gemacht. Abwanderung, ÄrztInnenmangel und wenig Perspektiven für Hochqualifizierte sind auch hier Thema. "Die letzten Wahlen haben uns wieder vor Augen geführt, wie groß der Unterschied zwischen Stadt und Land ist. Der Grund dafür liegt unter anderem daran, dass sich ländliche Regionen stets benachteiligt fühlen. So auch der Pinzgau, dessen BewohnerInnen dies 'schwarz auf weiß' haben wollten", erklärt der Forscher, der im Rahmen einer EU-Studie die gefühlte Benachteiligung erstmals statistisch aufarbeitete – und auch zum Teil widerlegte. "Mit den ersten Ergebnissen hat sich auch das Wording verändert: Während zu Beginn der Studie noch von Benachteiligung gesprochen wurde, war am Ende sogar vom Chancenindex die Rede", erzählt Heintel.

Benachteiligungs-Index

"Aufgrund der Fragestellung haben wir überlegt, wie man Benachteiligung überhaupt quantifizieren könnte", erinnert sich Projektmitarbeiter Markus Speringer. So war die Studie anfangs auf den "Index of deprivation" ausgerichtet. Vorbild ist hier Großbritannien als eines der wenigen Länder, wo "Benachteiligung" methodisch untersucht wird. Schon seit den 1970er Jahren gibt es hier Bemühungen, Maßzahlen zur Erfassung von "Benachteiligung" zu konzeptionieren, woraus letztlich 1998 der Index of Local Deprivation (ILD) entstand, der nach weiteren Überarbeitungen in den Index of Multiple Deprivation (IMD) mündete. "In Großbritannien wird der 'Index of mulitple deprivation' bereits seit etwa 20 Jahren stetig weiterentwickelt und auf regionale und lokale Planungsagenden umgemünzt", erläutert Speringer und ergänzt: "Die Schwierigkeit liegt aber im Begriff Benachteiligung."
 
Dieser Begriff ist stark subjektiv geprägt und drückt implizit immer eine Relationalität – mir als Person oder Gemeinde geht es schlechter als anderen – aus. Die Wiener ForscherInnen haben daher einen anderen Weg gewählt als ihre britischen KollegInnen: "Wir haben uns für einen 'Z-Wert'-basierten Indikator entschieden – eine Methode, die Relationalität besser beschreiben kann."

Überraschende Ergebnisse …

Anhand von 26 Indikatoren – von (Alters- und Jugend-)Arbeitslosigkeit und frühen SchulabbrecherInnen über die Wohnsituation bis hin zur Gesundheitsversorgung – haben die ForscherInnen untersucht, wie die unterschiedlichen Gemeinden insgesamt sowie in den einzelnen Bereichen abschneiden und wo es mögliche Kompensationseffekte gibt. Als Vergleichsregionen wurden die Stadtregion Salzburg sowie der Lungau herangezogen. Dabei waren für die ForscherInnen vor allem die Zahlen im Bereich Bildung überraschend: Einige Teilregionen des Pinzgaus weisen ähnliche Werte wie die Stadtregion Salzburg auf. "Dass sie gleichauf mit einer Universitätsstadt liegen, ist erstaunlich", betont Speringer, der daraufhin die einzelnen Indikatoren im Detail analysiert hat.

… im Bereich Bildung

"Es hat sich herauskristallisiert, dass in der Stadtregion Salzburg der Anteil der Personen mit mindestens Maturaniveau sehr hoch ist, weil dort viele Studierende und Hochqualifizierte leben und arbeiten. Allerdings weist der Pinzgau niedrigere Zahlen bei den SchulabbrecherInnen sowie bei den sogenannten NEETs (Not in Education, Employment or Training) auf. "Das bedeutet, dass es in der Region Pinzgau besser gelingt, die jungen Leute, speziell junge Männer, vom Schulsystem ins Berufsleben zu integrieren, als das in der Stadtregion der Fall ist", erklärt der Projektmitarbeiter.

Jede Region hat Stärken und Schwächen

Insgesamt beschreiben die ForscherInnen mit der Studie profund, wo die Probleme und Chancen der Region liegen und wo man ansetzen muss, um das vorhandene Potenzial auszuschöpfen oder z.B. Abwanderung zu stoppen. "Wir haben in erster Linie ein differenziertes Bild der Region geliefert und gezeigt, dass sie zwar ihre Schwächen, aber auch ihre Stärken hat", betont der Projektleiter.

Jetzt geht es darum, Maßnahmen zu setzen, um die eigenen Stärken zu bewahren und – in Kooperation mit Nachbargemeinden, den Regionen oder dem Bundesland – die Schwächen zu kompensieren. "So könnten jene Gemeinden, in denen ein FachärztInnenmangel herrscht, enger mit jenen, die über ein ÄrztInnenzentrum verfügen, zusammenarbeiten", gibt Heintel ein Beispiel. "Gleichzeitig sollte man in ländlichen Regionen wie dem Pinzgau immer einen sensiblen Blick auf medizinische Infrastrukturen haben. Werden Standorte geschlossen, oder bestehende Abteilungen in Krankenhäusern auf andere Standorte konzentriert, wäre damit die medizinische Nahversorgung – alleine aufgrund der Distanzen – in Frage gestellt", so der Experte weiter. Dies belegen auch die Erreichbarkeitsanalysen, die im Rahmen der Studie erstellt wurden.

Erfolgsgeschichten weitergeben

"Mit dieser Studie ist es uns gelungen, das Selbstvertrauen der Region zu stärken. Der Pinzgau kann nun dieses implizit defizitäre Gefühl der eigenen Existenz, das vielen Personen in ländlichen Regionen innewohnt, ein Stück weit überwinden", bringt Heintel das Ergebnis der Studie auf den Punkt: "Außerdem blicken die einzelnen Gemeinden nun differenzierter auf die eigenen Ressourcen und auf die Region insgesamt. Auch ist es gelungen, das Projekt als 'ergebnisoffenen Prozess' zu gestalten – was nicht immer einfach ist. Es bedurfte von Seite der Region einiges an Mut und Vertrauen uns ForscherInnen gegenüber."


Schlussendlich geht es laut Heintel darum, dass die Kinder die Erfolgsgeschichten der Region lernen und auch weitergeben. "Solche Geschichten gibt es hier genug. Eine große Stärke der Region liegt u.a. im Gründergeist. Diese Innovationskraft, die ländlichen Regionen ja oft abgesprochen wird, gilt es in Zukunft weiter zu stärken." (ps)

Die Studien "Quantifizierung der Benachteiligung im Oberpinzgau sowie im Gesamtpinzgau" unter der Leitung von ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Martin Heintel vom Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien wurden von 2015 bis 2017 durchgeführt und kürzlich abgeschlossen. ProjektmitarbeiterInnen waren: Mag. Markus Speringer vom Vienna Institute of Demography (VID) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie Mag. Judith Schnelzer und Mag. Ramon Bauer vom Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien. Finanziert wurden die Projekte durch Bund (LE 14-20), Land (Salzburg) und der Europäischen Union (LEADER).

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