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Die Universität Wien bei der Weltklimakonferenz

Gastbeitrag von Patrick Sakdapolrak

23. Weltklimakonferenz in Bonn (Foto: BMUB/Nils Klinger)

Vom 6. bis zum 17. November 2017 fand in Bonn die 23. Weltklimakonferenz (COP 23) statt. Auch die Universität Wien war mit einem Team an GeographInnen rund um Patrick Sakdapolrak vertreten. Im Gepäck hatten sie aktuelle Ergebnisse aus ihrem Forschungsprojekt "TransRe".

Zwischen dem 6. und 17. November sind mehr als 19.000 registrierte TeilnehmerInnen der Einladung von den Regierungen Fidschis und Deutschlands gefolgt und haben an der 23. Weltklimakonferenz teilgenommen. Auch das "TransRe"-Projektteam der Universität Wien hatte die Möglichkeit, die laufenden Forschungsarbeiten beim parlamentarischen Treffen der COP, einer öffentlichen Podiumsdiskussion und auf einem ganztägigen Stand vorzustellen. In dem Projekt unter der Leitung von Patrick Sakdapolrak geht es darum, die Verbindungen zwischen Migration und Klimawandel besser zu verstehen.

Migration bei den Klimakonferenzen

Viele Jahre stand das Thema Migration nicht im Fokus der Klimaverhandlungen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat sich jedoch seit dessen Erwähnung im "Cancún Adaptation Framework" (Paragraph 14f) bei der COP 16 (2010) in Cancún, Mexico auch auf internationaler politischer Ebene intensiviert. Seit 2015 existieren zwei internationale Mechanismen, die einen entscheidenden Einfluss auf die weitere Debatte haben werden: Global Compact for Migration (GCM) und die Task Force on Displacement (TFD). Anfang 2017 begann das GCM mit ihrer Arbeit aus den Beiträgen der thematischen Konsultationen einen ersten Entwurf für die Verhandlungen, die im Februar 2018 stattfinden werden, zu erstellen. Das TFD nahm seine Arbeit im Mai 2017 auf und ist nun dabei, Informationen für die Empfehlungen zu sammeln, die bei der COP 24 in Katowice, Polen, zur Verhandlung stehen werden.

Warum der Begriff "Klimaflüchtlinge" problematisch ist

Trotz der Präsidentschaft Fidschis spielte das Thema Migration bei dem diesjährigen Gipfel keine prominente Rolle. Die Debatten auf und rund um den Gipfel haben jedoch gezeigt, dass es ohne drastische Änderungen der Politik kaum möglich sein wird, die Klimaschutzziele des Pariser Abkommens (zum uni:view-Artikel) einzuhalten. Daher sei zu erwarten, dass in Zukunft die Lebensverhältnisse von zahlreichen Menschen durch den Klimawandel stärker beeinträchtigt würden. Das betrifft vor allem, aber nicht nur, ärmere Bauern und Bäuerinnen sowie ArbeiterInnen in Entwicklungsländern. Dies wird sich auch auf globale Wanderungsmuster auswirken. Im Vorfeld und während der COP 23 wurden von verschiedenen Akteuren – NGOs, Medien etc. – immer wieder Prognosen von 200 Millionen "Klimaflüchtlingen", die bis 2050 ihre Heimat verlassen und zur Migration gezwungen sind, in die Debatte geworfen.

"Keine Angstdebatte über Migration"


Die Uni Wien-GeographInnen möchten mit ihrer Forschungsarbeit und in den Beiträgen bei unterschiedlichen Veranstaltungen darauf hinweisen, dass man der Versuchung widerstehen muss, mit einer Angstdebatte über Migration, Druck in Richtung einer besseren Klimaschutzpolitik auszuüben. Wegen der Komplexität von Migration und der Schwierigkeit ein klares Ursache-Wirkungs-Verhältnis zu identifizieren sind diese Zahlen wissenschaftlich vollkommen unhaltbar. Deren Nutzung ist gefährlich, da sie die Glaubwürdigkeit derer, die diese Zahlen häufig mit guten Intentionen gebrauchen, unterminiert und somit Argumente für die sich immer lauter zu Wort meldenden KlimaskeptikerInnen liefern.

Welchen Beitrag kann Migration zur Anpassung an den Klimawandel leisten?

Viel wahrscheinlicher als die plötzliche Massenflucht ist, dass einzelne Haushaltsmitglieder sich auf den Weg machen, um vor allem in den Städten ihrer Heimatländer Geld zu verdienen und somit ihre Familien in den Dörfern zu unterstützen. Die Ergebnisse des "TransRe"-Projektes bestätigen, dass die MigrantInnen ihrer Heimat meistens eng verbunden bleiben und ihre Heimatorte nicht nur durch Geldüberweisungen, sondern auch durch Wissen und neue Ideen unterstützen. Diese Verbindungen zwischen Herkunfts- und Zielorten leisten einen messbaren Beitrag, die Verwundbarkeit gegenüber Klimarisiken wie zum Beispiel Dürren oder Überschwemmungen zu verringern. Wie wirksam Migration als Anpassungsstrategie sein kann, hängt sowohl von den Bedingungen an den Herkunfts- als auch an den Zielorten der MigrantInnen ab. Der Erfolg oder Misserfolg von Migration sei außerdem vom Grad der Wahlfreiheit abhängig, den Menschen bei ihrer Entscheidung haben, zu migrieren oder zu bleiben.

Potenziale und Möglichkeit von Migration

Migration als Anpassung hat jedoch sehr wenig Aufmerksamkeit bei der COP erhalten. Während eines Side-Events zum Thema wurden die Vermeidung der Diskussion über finanzielle Kompensationen sowie die ohnehin schwierige politische Debatte über MigrantInnenrechte als Ursachen dafür gesehen. Zudem verschließt die in der Politik vorherrschende Vorstellung von Migration als Problem, als etwas das verhindert werden sollte, den Blick auf die Potenziale und Möglichkeit der Migration. Die Wissenschaft hat hier die Aufgabe mit empirischer Evidenz Alternativen aufzuzeigen und die Politik dabei zu unterstützen, das positive Potential von Migration zur Klimawandelanpassung zu berücksichtigen, und dabei auch nach Lösungen zu suchen, die MigrantInnen dabei zu unterstützen.

Patrick Sakdapolrak ist seit Jänner 2016 Professor für Bevölkerungsgeographie und Demographie am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Verwundbarkeits- und Resilienzforschung, Mensch-Umwelt-Beziehungen, Geographische Migrationsforschung, Geographische Gesundheitsforschung, regionaler Schwerpunkt: Südasien, Südostasien und Ostafrika.

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