Buchtipp des Monats von Martin Heintel, Robert Musil und Norbert Weixlbaumer

17.04.2018

uni:view, 16. April 2018

Ein Autorenkollektiv aus Geographen setzt sich in seiner jüngsten Publikation mit dem Phänomen der Grenze auseinander. Und das sowohl im räumlichen als auch im sozialen Kontext. Im Interview erzählen sie mehr über Grenzüberschreitungen und "Border Studies".

uni:view: Kürzlich ist Ihre Publikation "Grenzen" erschienen. Was ist die Intention des Bandes?
Martin Heintel, Robert Musil und Norbert Weixlbaumer: Der Band setzt sich mit einem für Planung und Politik sowie räumliche Sozialforschung wichtigen Thema auseinander – mit dem Thema der Grenze. Ziel des Bandes ist eine Reflexion wissenschaftlicher, aber auch aktueller und tagespolitischer Fragestellungen zum Thema Grenze im räumlichen wie auch sozialen Kontext. Neben einem Beitrag zur geographischen Theorienbildung des Phänomens Grenze wird auch dessen Rolle als alltäglicher Handlungsrahmen, als Barriere bzw. als durchlässiger Kontext thematisiert.

uni:view: Können Sie die Reflexionen aktueller und tagespolitischer Fragestellungen zum Thema Grenze kurz skizzieren?
Heintel, Musil und Weixlbaumer: Wenn auch Grenzen und Grenzziehungen ein anscheinend menschliches Wesensmerkmal darstellen, so steht dem die weit verbreitete Erfahrung gegenüber, dass Grenzüberschreitungen zu einer festen Routine auf unterschiedlichen Ebenen der alltäglichen Handlungspraxis zählen. Seien es Verwaltungsgrenzen, über die Städte schon längst hinausgewachsen sind oder Umlandsiedlungen, die zusammengewachsen sind. Oder Staatsgrenzen, die vom "kleinen Grenzverkehr" bis hin zur Mobilität im vereinten Europa hinsichtlich ihrer Relevanz und Sinnhaftigkeit in Frage gestellt werden. Die Überwindung und Aufhebung der nationalstaatlichen Grenzen für Unternehmen wie auch für Haushalte, stellt eine zentrale Errungenschaft im europäischen Einigungsprozess dar – auch wenn sich dieser gegenwärtig in einer tiefen Krise befindet.

uni:view: Inwieweit überschneiden sich die Kontexte der Grenze als räumliche und als soziale Komponente?
Heintel, Musil und Weixlbaumer: Der abstrakte, moderne Begriff der Grenze hatte ursprünglich eine räumliche Konnotation und wurde erst später auf andere – etwa zeitliche oder metaphorische – Grenzziehungen angewendet; gleichzeitig ist auch dieser Begriff – wie viele andere auch – das Produkt einer sprachlich-kulturellen Grenzüberschreitung. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Grenzen und Grenzüberschreitungen vielfältiger Art hat in den raumbezogenen Wissenschaften eine lange Tradition, wie die zahlreichen Beiträge in diesem Band zeigen.

Verstärkt in den Vordergrund der wissenschaftlichen Forschung der "Border Studies" tritt jedoch der interaktive Aspekt, die soziale Praxis der Grenzüberschreitungen. Verflechtungskontexte über Staatsgrenzen hinweg gewinnen zunehmend an Bedeutung. Ob Schmuggel oder gemeinsamer Arbeitsmarkt – für beide Zusammenhänge bilden Grenzen Möglichkeiten wie Barrieren gleichermaßen.

uni:view: Sie haben sich lange und intensiv mit Grenzen beschäftigt. Braucht sie der Mensch?
Heintel, Musil und Weixlbaumer: Grenzen, Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen sind eine dem Menschen zutiefst verinnerlichte Abstraktions- und Handlungspraxis. Eine Grenze ist eine gedachte oder abstrakte Linie, anhand der Unterscheidungen getroffen und Dinge durch Differenz identifiziert werden. Gleichzeitig fordern Grenzen uns auch heraus, dass sie überschritten werden. Ob Kinder, ForscherInnen oder – wie in unserem Kontext vorrangig – bei Fragen planerischer oder auch politischer Neuordnungen. Eine Gebietsreform oder eine Europäische Union der zurückliegenden Erweiterungswellen, wäre ohne Reorganisation von Grenzen nicht möglich gewesen.

uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren LeserInnen?
Heintel, Musil und Weixlbaumer: Wir empfehlen "Kinder der Freiheit" von Ken Follett.

uni:view: Einige Gedanken, die Ihnen spontan zu diesem Buch einfallen?
Heintel, Musil und Weixlbaumer: Zahlreiche virtuelle und realpolitische Grenzen haben starken Einfluss auf unser Leben. Konflikte – persönlicher wie politischer Art – können entschärft werden, wenn Grenzen zumindest als durchgängig betrachtet werden. Freiheit ist ein hohes Gut, wofür bereits verschiedene Generationen vor uns bezahlt haben und welches nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte.

uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das Buch zu. Was bleibt?
Heintel, Musil und Weixlbaumer: Viele Errungenschaften des späten 20. Jahrhunderts sind wertzuschätzen, zu pflegen und keine Selbstverständlichkeit. (td)

Martin Heintel und Norbert Weixlbaumer sind am Institut für Geographie und Regionalforschung an der Universität Wien tätig. Robert Musil ist Leiter der Arbeitsgruppe "Innovation und Urbane Ökonomie" an der ÖAW.

Veranstaltungstipp! Das Buch "Grenzen" wird bei "20 Jahre Uni Wien Campus" im Rahmen von "Erlesenes Erforschen" am Mittwoch, 13. Juni 2018, um 19 Uhr am Campus der Universität Wien präsentiert.

Das Autorenkollektiv (v. li. n. re.) Norbert Weixlbaumer, Robert Musil und Martin Heintel genießt die ersten Frühlingstage im Museumsquartier. (© Elisa Weixlbaumer)