Medienspiegel


Urban Studies: Im Sommer die City erforschen

Yvonne Franz
2016-07-02
Die Presse
Medienbericht

Unterschiedlichkeit ist Urbanität

Yvonne Franz
2016-04-19
uni:view
Forschung

In Europa stieg die Zuwanderung um ein Drittel

Heinz Faßmann
2016-01-28

Seit 2000 nimmt die Mobilität innerhalb Europas und nach Europa deutlich zu. Das könnte sich laut dem Migrationsexperten Heinz Fassmann positiv auswirken, würden die richtigen Personen ausgewählt werden.

 

Wien. Die aktuelle Fluchtwelle ist nur ein Teil des gesamten Phänomens: Weltweit wird die Bevölkerung beweglicher, Massenwanderung wird zum Normalzustand. Die Internationale Migrationsorganisation der Vereinten Nationen (IOM) hat für das Jahr 2015 global eine Zahl von 244Millionen Menschen errechnet, die entweder in ein anderes Land ausgewandert sind oder als Migranten erster Generation dort bereits eine Staatsbürgerschaft erworben haben. Europa ist von diesem Trend besonders stark betroffen. Der „Bestand an Migranten“, wie ihn die IOM auswertet, hat im Vorjahr 76 Millionen Menschen betragen und war damit höher als in allen anderen Kontinenten. Die USA kamen im Vergleich auf 46,6 Millionen, ganz Asien auf 75 Millionen.

Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Zuwanderer in europäische Länder insgesamt um 35 Prozent gestiegen. Allerdings je nach Land in sehr unterschiedlichem Ausmaß. Die Zahl ist in Nordeuropa und Südeuropa deutlich angewachsen, hingegen verzeichnet Osteuropa nach wie vor nur eine geringe Zuwanderung. Und auch in Frankreich wurde keine wesentliche Steigerung verzeichnet. Österreich hat in den vergangenen 15 Jahren einen besonders hohen Zuwachs erlebt. Der Bestand an Migranten ist von einer Million im Jahr 2000 auf mittlerweile 1,5 Millionen gestiegen. Dieses Plus von 50 Prozent liegt deutlich über dem EU-Schnitt. Wie aus Zahlen des Innenministeriums hervorgeht, kommt nach wie vor die größte Zuwanderungsgruppe mit 170.000 aus Deutschland. An zweiter Stelle liegen türkische Migranten mit rund 115.000 vor Serben mit 114.000 (Zahlen von Jänner 2015).

Der Trend hat laut dem Migrationsforscher Heinz Fassmann mehrere Ursachen. Zum einen steige mit dem Wirtschaftswachstum weltweit die Bereitschaft zur Wanderung. „Und zwar in etwa dem gleichen Ausmaß.“ In Europa kommt hinzu, dass die Binnenmarktregeln (Freizügigkeit) die Arbeitsmigration zwischen den EU-Mitgliedstaaten erleichtern. Gleichzeitig steigt laut Fassmann die Bildungsmigration. Immer mehr Studenten wechseln zu einem Ausbildungsplatz ins Ausland. Der dritte Faktor sind Fluchtwellen aus Kriegsgebieten, die derzeit einige europäische Staaten – darunter Österreich – deutlich stärker als andere unter Migrationsdruck setzen.

Zur Mitte des vergangenen Jahres lag der Anteil der Flüchtlinge laut IOM in Europa lediglich bei 1,9 Prozent der gesamten Migration. In Schweden mit 7,0 Prozent und Österreich mit 5,3 Prozent lag diese Zahl schon damals deutlich über diesem Schnitt, in der Slowakei (0,4%) oder Ungarn (0,6%) weit darunter. Nicht eingerechnet wurde das zweite Halbjahr 2015, in dem sich der Flüchtlingsstrom aus dem Süden noch deutlich verstärkt hat.

 

Volkswirtschaftlicher Effekt

Auch wenn es in der Bevölkerung starke Vorbehalte gegen die wachsende Zuwanderung gibt, ist das Phänomen aus volkswirtschaftlicher Sicht positiv zu bewerten. Zuwanderer bringen zusätzliche Produktions- und Kaufkraft ins Land. Allerdings kommt es laut Fassmann darauf an, ob auch tatsächlich jene Menschen aufgenommen werden, die auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Als Idealzustand sieht der Vizerektor der Universität Wien eine gezielte Auswahl der Migranten. Dies geschehe in Österreich bereits in kleinem Umfang über die Österreich-Card für besonders nachgefragte Berufsgruppen. Auch die Wanderung innerhalb des EU-Binnenmarkts funktioniert laut dem Migrationsexperten gut, da sie sich an Angebot und Nachfrage orientiere. Das heißt: Es kommen in erster Linie jene Arbeitskräfte, die Aussicht beziehungsweise sogar eine Zusage für einen konkreten Arbeitsplatz haben. Die Befürchtung, dass viele Menschen nur wegen höherer Sozialleistungen in Länder wie Österreich oder Deutschland einwandern, hält Fassmann für übertrieben. „Wer kommt schon wegen einer Mindestsicherung – insbesondere, wenn man diese mit dem hohen Preisniveau in diesen Ländern vergleicht.“

Volkswirtschaftlich problematischer ist die Zuwanderung jedoch bei Fluchtwellen. Es entsteht eine ungesteuerte Migration ohne Auswahl. Hier ist, so Fassmann, „der Effekt deshalb nicht so positiv“. Es müsste zuerst in die Ankommenden investiert werden. Gemeint sind Integrationsmaßnahmen und Schulungen, um sie auf die besonderen Ansprüche des nationalen Arbeitsmarkts vorzubereiten.

 

Tageszeitung Die Presse
Medienbericht

DOKeins: Que sera, sera! Hanno Settele sucht unsere Zukunft

Roman Bauer
2015-12-16

ORF Doku von Hanno Settele.
Kommentar von Ramon Bauer zur Zukunft der Religionen in Wien. 

ORF1
Expertenkommentar

Gesetze werden nicht von Gott geschickt

Heinz Faßmann
2015-12-08

Die Bringschuld der Zuwanderer sei größer als die Holschuld der Mehrheitsgesellschaft, sagt Heinz Faßmann. Und warnt vor einem „integrationspolitischen Eigentor“, wenn man Asylwerbern zu tolerant begegnet.

 

Die Presse: Was halten Sie davon, dass die AMS-Kompetenzchecks für Flüchtlinge nach Geschlechtern getrennt erfolgen?

Heinz Faßmann: Männer und Frauen bei Kompetenzchecks a priori zu trennen, halte ich nach innen und außen für höchst ungeschickt. Im Vordergrund sollten die beruflichen Merkmale stehen, nicht das Geschlecht.


Wie kommt man überhaupt auf diese Idee?

Möglicherweise gab es Signale von den Zugewanderten, die von den Verantwortlichen unreflektiert übernommen wurden. Gerade bei Kompetenzchecks könnte man aber in eine situative Praxis jene Botschaften verpacken, die man sonst nur abstrakt in Integrationskursen vermittelt.


Wie weit soll man Zuwanderern aus fremden Kulturen entgegenkommen? Wie geduldig muss man mit ihnen sein?

Diese Balance ist schwierig. Bei grundsätzlichen Aspekten sollte die Ungeduld mit Zuwanderern berechtigt sein. Bei der Genderfrage etwa wäre ich ungeduldig. Oder bei der Frage, welche Bedeutung Religion in unserer Gesellschaft besitzt, auch bei der Akzeptanz von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Gesetze werden im Parlament gemacht und nicht von Gott geschickt. Das ist zu akzeptieren, und zwar ohne Übergangsfrist. Außerdem sollten Konflikte aus Herkunftsländern nicht nach Österreich gebracht werden. Ich bin auch gegen einen Rechtspluralismus. Gewalt in der Familie, die kulturell legitimiert sein mag, ist in Österreich nicht adäquat. Bei anderen, den Alltag betreffenden Dingen hingegen sollten wir stärker auf die Menschen zugehen. Etwa bei der größeren Bedeutung eines Familienverbandes oder der Frage, wer in der Familie die Autorität besitzt.

Die letztgenannten Punkte sind doch harmlos. Wer sollte sich an der größeren Bedeutung eines Familienverbandes stören? Bei den zuvor genannten, sensiblen Punkten sind Sie also für eine harte Linie?

Ja, so ist es.

Ist Integration eine Bring- oder Holschuld?

Sowohl als auch, aber mit einem größeren Verantwortungsbereich bei den Zugewanderten. Das ergibt sich allein schon aufgrund der quantitativen Größenordnung der Aufnahmegesellschaft und der Zugewanderten. Beim Einfordern der Integration muss man bei Flüchtlingen wohl toleranter sein – wegen ihrer Kriegserlebnisse und Fluchtgeschichte.

 

Auch bei den, bleiben wir bei diesem Begriff, sensiblen Punkten?

Nein, bei diesen nicht. Das mag konservativ klingen, aber dieser Meinung bin ich. Die grundsätzlichen Werte sind einzuhalten, sonst schießt man sich ein integrationspolitisches Eigentor. Ein Infragestellen von gesellschaftlich Wichtigem würde die aufnehmende Gesellschaft als Rückschritt empfinden und darauf mit Ablehnung reagieren.


Bis Jahresende werden in Österreich rund 95.000 Asylanträge erwartet. Sollte das in den nächsten Jahren auch der Fall sein, kommen auf Österreich einige, sagen wir, Herausforderungen zu, oder?

Wenn das wirklich so weitergeht, müsste sich einiges ändern. So müsste etwa die Wohnbauleistung deutlich über jener der vergangenen Jahre liegen. Zudem wäre ein ordentliches Wirtschaftswachstum notwendig, damit Asylwerber Arbeit finden und nicht nur von der Mindestsicherung leben müssen.


Wie soll das gehen? Wohnraum ist schon knapp. Arbeitslose gibt es auch genug.

Da haben Sie recht. Das könnte zu großen Problemen führen. Denn selbst in den vergangenen Jahren gab es zu wenig Wachstum. In dieser Hinsicht würden sozialpolitische Verteilungsfragen, insbesondere die Mindestsicherung, akzentuiert werden.


Ganz zu schweigen von Ghettoisierung und Parallel- und Gegengesellschaften.

Eine Gleichverteilung der Asylberechtigten ist unwahrscheinlich. Syrische Flüchtlinge etwa würden dort hingehen, wo sich syrische Kriegsflüchtlinge einer Vorperiode bereits angesiedelt haben. Das würde eine Zeitlang zu einer verstärkten Fragmentierung führen. Ich bin kein Fan von Krisennomenklatur, aber ein Wachstum durch Flüchtlingszuwanderung in der Größenordnung von 2015 über mehrere Jahre hinweg wäre für unsere Gesellschaft krisenhaft.


Mit Folgen wie Radikalisierung?

Hier müssen wir auf die Integrationsprozesse, die deradikalisierend wirken, hoffen. Das Erlernen der Sprache, geregelte Arbeit etc. führen zur gesellschaftlichen Eingliederung. Menschen sehen, dass sie akzeptiert werden und dass etwas weitergeht. Das verhindert Radikalisierung, die immer auch etwas mit Abwertungsprozessen zu tun hat.

Das heißt, wir können nur hoffen, dass künftig weniger Flüchtlinge kommen?

Ich hoffe, dass das europäische Asylsystem über die Wintermonate, wenn weniger Flüchtlinge kommen, Tritt fassen kann. Dazu gehören das Outsourcing der Kontrolle in Richtung Türkei, die Kontrolle der Außengrenzen, Rückführungen und Vorasylprüfverfahren in den Hotspots vor Ort. Flüchtlinge sollten nicht ohne eine Chance auf Asyl quer durch Europa transportiert werden.


Befürworten Sie Asyl-Obergrenzen?

Nein. Wer Obergrenzen fordert, versteht die Genfer Flüchtlingskonvention nicht. Bei einer Grenze von vielleicht 100.000 Personen hat auch die 100.001. Person ein Recht auf Asyl. Obergrenzen könnten nur über kollektive Sicherungsverfahren realisiert werden, zum Beispiel über Resettlementprogramme, bei denen Asylwerber in den Herkunftsländern ausgesucht und nach Europa gebracht werden.


Der neue Integrationsplan, an dem Sie mitgearbeitet haben, sieht bei fehlender Integrationsbereitschaft eine Kürzung der Mindestsicherung vor. Warum gibt es darüber hinaus keine Strafen für Leute, die beispielsweise die Integration ihrer Kinder sabotieren?

Das muss man differenzieren. Die Mindestsicherung ist eine öffentliche Leistung. Der Steuerzahler kann eine Gegenleistung, wie etwa den Besuch eines Deutschkurses, erwarten. Wird diese Vereinbarung gebrochen, ist die Kürzung der Mindestsicherung legitim. Aber wie soll man sogenannte integrationsunwillige Eltern bestrafen, die sich in der Schule nicht an der Elternarbeit beteiligen? Wie kontrolliert man das? Oder wenn eine muslimische Frau einem Mann die Hand nicht geben will? Wer stellt das fest, wer bewertet die Gründe, wie soll das bestraft werden? Das ist alles nicht durchführbar.


Was ist mit Eltern, die ihre Kinder zu Außenseitern machen und ihre Zukunft gefährden, weil sie beispielsweise Schulschwänzen tolerieren oder sie nicht am Schwimmunterricht teilnehmen lassen? Haben diese Kinder kein Recht auf Schutz?

Um diese Eltern zu sanktionieren, steckt zu viel Liberalität in mir. Es gibt die Freiheit, den Kindern den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Es gibt aber auch die Freiheit, dies nicht zu wollen. Ansonsten ist man schnell bei einem totalitären Denken.


Und die Frau, die Männern nicht die Hand geben will: Was halten Sie von so jemandem, abgesehen von der Nichtexekutierbarkeit einer Sanktion?

Es ist absurd. Aber wenn es passiert, muss ich das zur Kenntnis nehmen. Ich will so etwas nicht normativ festlegen. Ein liberaler Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist sein Dilemma.

 

Tageszeitung Die Presse
Medienbericht

Geringe Jobchancen für Flüchtlinge

Heinz Faßmann
2015-12-05

Flüchtlinge dürften geringere Qualifikationen als erwartet haben, viele verfügen über keinerlei Schulbildung. Deshalb werde die Arbeitsmarktintegration Jahre dauern, behauptet Integrationsforscher Heinz Faßmann.

 

An die 85.000 Flüchtlinge haben in diesem Jahr in Österreich um Asyl angesucht. Von diesen wird, so Expertenmeinungen, mindestens die Hälfte Asylstatus bekommen und demnach in Österreich bleiben - und im Idealfall auch arbeiten. Doch die Integration am heimischen Arbeitsmarkt dürfte weitaus schleppender verlaufen, als man bisher meinte. Das zumindest behauptet Heinz Faßmann, Migrations- und Integrationsforscher an der Uni Wien im ORF-Radio.

Nicht einmal Hilfsarbeiter

Man habe, sagt Faßmann, teilweise ein falsches Bild vom Ausbildungsgrad der Ankömmlinge. Während man vor allem bei Syrern erwartet habe, dass sie halbwegs gut ausgebildet seien, zeigten die ersten Qualifikationsprüfungen ein anderes Bild, erklärt der Experte. "Die ersten Auszählungen zeigen eher eine geringe Qualifikation", resümmiert Faßmann. Laut ihm haben nur zwei Drittel der syrischen Flüchtlinge überhaupt eine Schule besucht. Unter den afghanischen Ankömmlingen sollen es sogar weniger sein - viele seien nicht alphabetisiert. Syrer und Afghanen machen den Hauptanteil unter den Flüchtlingen aus. Faßmann warnt davor, dass man viele von ihnen wohl nicht einmal als Hilfsarbeiter einstellen  könne.

Daher müsse man sich darauf einstellen, dass die Arbeitsmarktintegration mehrere Jahre dauern werde. "Wir werden mit der Gruppe der 2015 gekommenen Asylwerbern sicherlich in den nächsten drei bis fünf Jahren etliche Maßnahmen setzen müssen, damit diese Arbeitsmarktintegration gelingt", sagt Faßmann. Bei manchen werde es wohl länger als fünf Jahre dauern. Sobald Asylwerber als Flüchtlinge anerkannt werden - was in der Regel nach einem halben Jahr passiert - haben sie freien Zugang zum Arbeitsmarkt.

Faßmann betont zudem, dass die Integration am Arbeitsmarkt wohl der zentrale Baustein in der Integration der Flüchtlinge sei. Wenn man daran scheitert, die Ankömmlinge in die Erwerbstätigkeit zu bringen, "drohen soziale Probleme", warnt der Experte.

 

Tageszeitung Kleine Zeitung
Medienbericht

Flüchtlinge: Langjährige Arbeitsmarktintegration

Heinz Faßmann
2015-12-05

Die österreichische Wirtschaft braucht dringend Arbeitskräfte. Diese Nachfrage könnte von den Flüchtlingen abgedeckt werden, war zuletzt immer wieder aus der Wirtschaft zu hören. Gegen Jahresende steht nun fest, mit wie vielen Flüchtlingen tatsächlich zu rechnen ist. Laut Experten wird ihre Integration in den Arbeitsmarkt Jahre dauern.

"Bis zu 50.000 bleiben in Österreich"

Etwa 85.000 Menschen haben in Österreich in diesem Jahr um Asyl angesucht. Etwa die Hälfte davon wird bleiben, schätzt Heinz Faßmann von der Universität Wien, zuständig für Migrations- und Integrationsforschung: "In Österreich mögen es vielleicht 40. bis 50.000 werden, die dann tatsächlich anerkannte Flüchtlinge oder Flüchtlinge, die man aufgrund der Kriegsereignisse nicht zurückschicken kann, bleiben."

In Deutschland werden es weniger werden, sagt Faßmann, weil "dort viele aus West-Balkan kommen und das sind Personengruppen, die wenige oder fast gar keine Chancen auf Asyl haben." Das betrifft bis zu einem Viertel der Flüchtlinge in Deutschland.

Ausbildung: "Eher geringe Qualifikation"

Ein teilweise falsches Bild gab es bisher über die Ausbildung der Flüchtlinge. "Die ersten Qualifikationsauszählungen zeigen eher eine geringe Qualifikation." So verfügen nur zwei Drittel der Ankömmlinge aus Syrien über eine Primärschulausbildung. Bei den Afghanen sind es noch weniger, teilweise sind sie nicht einmal alphabetisiert. Somit sind viele nicht einmal als Hilfsarbeiter am Arbeitsmarkt unterzubringen, sagt Faßmann.

"Mehrjähriger Integrationsprozess"

Was die Schulungen betrifft, muss man sich wohl auf einen mehrjährigen Integrationsprozess einstellen, sagt Faßmann. "Wir werden mit der Gruppe der 2015 gekommenen Asylwerbern sicherlich in den nächsten drei bis fünf Jahren einiges an Maßnahmen setzen müssen, damit diese Arbeitsmarktintegration gelingt und bei manchen wird es auch noch länger dauern."

In Österreich werde man mit einigen hundert Millionen Euro für bedarfsorientierte Mindestsicherung rechnen müssen, sagt Faßmann: "Wir werden nicht jedes Jahr mit erheblichen Zuwanderungszahlen im Asylbereich fertig werden können." Gelingt es nicht, die Menschen in die Erwerbstätigkeit zu bringen, drohen soziale Probleme, warnt der Integrationsexperte.

Radio Ö1
Medienbericht

Asyl: Kürzung von Sozialleistungen droht

Heinz Faßmann
2015-11-19

95.000 Asylwerber erwartet Österreich in diesem Jahr. Bis zu 50.000 von ihnen dürften Asyl- und Schutzberechtige werden. Der Integrationsplan, der heute vorgestellt wird, sieht für sie eine verpflichtende Sprach- und Werteschulung vor. Die Asylberechtigten müssen arbeitsbereit sein. Bisher nicht bekannt war, dass Verstöße mit Sanktionen bedroht werden.

Mindestsicherung um die Hälfte kürzen?

Acht Stunden Werteschulung - dieser Grundkurs für jeden Asylberechtigten wird bundesweit vom Integrationsfonds, ein Ableger des Außenamtes, vorbereitet. Der Kurs ist Pflicht. Es soll aber auch kombinierte Werte- und Sprachkurse geben. Wer das nicht durchläuft, wird bestraft. Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP): "Als Sanktion schlägt hier der Expertenrat für Integration vor, dass Sozialleistungen gekürzt werden können." 

Konkret geht es um die Mindestsicherung, sagt Kurz: "Die derzeitigen Regeln bei der Mindestsicherung sehen vor, dass die Mindestsicherung maximal zu 50 Prozent gekürzt werden kann. In dieser Größenordnung halten wir es auch für sinnvoll, wenn es eine Weigerung gibt, die Sprache zu erlernen." Wer die Kürzung anordnet, müsse noch mit dem Koalitionspartner besprochen werden, so Kurz. Dann entscheide natürlich die auszahlende Stelle darüber und "da braucht es die Vorinformation derer, die die Sprachkurse bzw. die Werteschulungen anbieten."

Faßmann: "Kann Gegenleistung verlangen"

Vorsitzender des Expertenrats, von dem der Vorschlag kommt, ist der Migrationsforscher Heinz Faßmann von der Universität Wien. Er verteidigt die Strafandrohung: "Wenn öffentliche Gelder, wenn Steuergelder für Sozialtransfers verwendet werden, dann kann man auch eine gewisse Gegenleistung verlangen." Die Kürzungen dürften aber nicht dazu führen, dass Menschen aus der Existenz herausfallen, "aber eine gewisse Gegenleistung kann man einmahnen."

Faßmann nennt den Erwerb der deutschen Sprache, die Bekenntnis zu den österreichischen Werten sowie den Einstieg in den Arbeitsmarkt und die Bereitschaft der Asylberechtigten dazu als die Säulen der Integrationspolitik. Die achtstündigen Wertekurse sieht der Experte nicht als Alibiaktion: "Ich hoffe nicht, dass die Menschen nur sitzen und die Ohren zumachen, sondern die Chance ergreifen, etwas von dem Land zu wissen, in das sie zugewandert sind. Ich wäre nicht ganz so pessimistisch."

Integrationsplan sieht 50 Punkte vor

Der vom Expertenrat vorgelegte Integrationsplan umfasst fünfzig Punkte, darunter sind auch Maßnahmen zur Integration in den Arbeitsmarkt. So sollen die Unis bei der Anerkennung von Teilstudien flexibel agieren.

Maßnahmen gibt es auch gegen Radikalisierung, etwa eine Art Nachsitzen am Nachmittag in der Schule bei auffällig radikalem Verhalten. Als Strafe ist hier Dienst an der Gemeinschaft angedacht.

Radio Ö1
Medienbericht

Wie man Flüchtlinge vor einer Radikalisierung bewahrt

Heinz Faßmann
2015-11-17

Experten empfehlen, islamische Kindergärten zu kontrollieren und Asylberechtigte in Wertekursen zu unterrichten.

 

Wien. Wie sollen Flüchtlinge in Österreich integriert, wie können sie von Islamisten ferngehalten, wie kann eine Radikalisierung verhindert werden? Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, hat Integrationsminister Sebastian Kurz im Sommer bei Heinz Faßmann, dem Vorsitzenden des Integrations-Expertenrates im Ministerium, eine Handlungsanleitung für die Regierung in Auftrag gegeben. Mittlerweile hat die Faßmann-Gruppe ihre Arbeit beendet, am Donnerstag wird sie ihren Integrationsplan anhand von 50 Maßnahmen vorstellen. Das Kapitel „Werte und Kampf gegen Radikalisierung“ liegt der „Presse“ vor. Eine Vorab–Zusammenfassung:

• Die Experten empfehlen, Kinderbetreuungseinrichtungen als erste Bildungsinstitution zu betrachten, insbesondere für Flüchtlingskinder. Dort könnten die Grundwerte des Zusammenlebens vermittelt und der frühe Kontakt mit der Bildungssprache gefördert werden. Kinder, die nicht Deutsch können, sollten zwei Jahre lang einen Kindergarten besuchen müssen.

Wobei auch die Einrichtungen verpflichtet werden sollten, ihre Weltanschauung darzulegen, und zwar schon bei der Gründung. Nur so, meint der Integrationsrat, könne sichergestellt werden, dass alle Kindergärten die verfassungsrechtlich verankerten Werte auch mittragen. Hintergrund: Das Ministerium schätzt die Anzahl islamischer Kindergärten (bzw. Tagesgruppen) allein in Wien auf 150. Es gibt aber weder ein Register für islamische Pädagogen in Kindergärten noch Nachweise ihrer Qualifikationen und Sprachkenntnisse.

Erste Aufschlüsse erwartet sich Kurz Ende des Jahres, wenn eine – von ihm beauftragte – Studie der Uni Wien ausläuft. Darin werden ausgewählte Kindergärten und Kindergruppen in Wien untersucht. Der Fokus liegt vor allem auf den Inhalten, die dort vermittelt werden.


• An den Schulen sollte Politische Bildung als Pflichtfach eingeführt werden, um das österreichische Verständnis von Demokratie und Menschenrechten explizit zu vermitteln. Ethische Fragen sollten, wenn schon nicht im Religionsunterricht, dann – verpflichtend – im Fach Ethik unterrichtet werden. Für jene Schüler, die radikale oder rassistische Tendenzen zeigen, schlagen die Experten „pädagogische Interventionsmaßnahmen“ vor und denken dabei an Sanktionen, etwa Dienste für die Gemeinschaft, die am Nachmittag absolviert werden müssen.

• In Wertekursen sollten Asylberechtigten die Grundwerte des Zusammenlebens vermittelt werden, von der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen bis hin zu Umgangsformen. Man müsse ihnen klarmachen, „was die Gesellschaft von ihnen erwartet“, heißt es im Maßnahmenpapier.


• Außerdem sollte ein „Islam europäischer Prägung“ gefördert werden, ein Islam also, der im Einklang mit der Verfassung steht und die Lebenswelten der Muslime berücksichtigt. Wobei die Experten betonen, dass es den homogenen Islam ebenso wenig gebe wie die Muslime als homogene soziale Gruppe. In Österreich leben, gemessen an der Gesamtbevölkerung, sechs Prozent Muslime, mehr als die Hälfte davon sind Staatsbürger. Eine „innerislamische Debatte“ sei dringend nötig. Einen Beitrag dazu könnten etwa islamisch-theologische Professuren an den Universitäten leisten.

• Daneben müssten aber auch Organisationen mit islamistischem Hintergrund beobachtet werden, denn deren Ziel sei, Flüchtlinge für ihre Agenda anzuwerben.

 

Tageszeitung Die Presse
Medienbericht

Ausländische Absolventen: Suchen, warten, Formulare

Heinz Faßmann
2015-11-17

Internationale Potenziale brauche der Arbeitsmarkt, hört man von allen Seiten. Studierende berichten indes von zahlreichen Hindernissen Warum eine Podiumsdiskussion nicht gleich mit ein bisschen Feldforschung starten? Heinz Fassmann, Vizerektor für Forschung und Internationales an der Uni Wien, möchte gern wissen, wie viele der über hundert Zuhörerinnen und Zuhörer denn aus Österreich kommen. Vereinzelt gehen ein paar Hände in die Höhe. Auch bei der Frage nach EU-Nachbarn melden sich nicht viele. Denn der Großteil des Publikums kommt aus sogenannten Drittstaaten, wie die vielen Handzeichen zeigen. Später wird das auch an den Fragen an die Podiumsgäste deutlich, aber der Reihe nach. foto: urban "Internationale Potenziale willkommen am Arbeitsmarkt" lautet das Motto des vom Karriereservice der Uni Wien – Uniport – organisierten Abends in der vollen Sky Lounge am Oskar-Morgenstern-Platz, wo sich seit zwei Jahren die Fakultäten für Mathe und Wirtschaft befinden. Die Diskussion ist zugleich Auftaktveranstaltung für ein neues Bewerbungstraining für internationale Studierende. "In unserer Karriereberatung haben wir oft gesehen, dass sich internationale Absolventen mit den kulturellen Eigenheiten des österreichischen Arbeitsmarktes schwertun", sagt Sarah Kohlmaier, die das Seminar Anfang Dezember leiten wird. Da war zum Beispiel die Koreanerin, die beim Bewerbungsgespräch das Glas Wasser ablehnte und Blickkontakt mied. "Nicht aus Desinteresse oder Zurückhaltung, sondern aus Respekt", erzählt die Karriereberaterin. Das Bewerbungsseminar soll dem entgegenwirken, aber auch über rechtliche Regelungen Klarheit schaffen. Migration als Chance Die Gäste am Podium – neben Vizerektor Fassmann, Margit Kreuzhuber, Beauftragte für Migration und Integration bei der Wirtschaftskammer Österreich, dem Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt und Integration bei der Arbeiterkammer Wien, Josef Wallner und Katarina Pavlovic, Studierende der Ernährungswissenschaft – sollten einerseits darauf eingehen, warum Migration eine Chance für den österreichischen Arbeitsmarkt bietet. Andererseits galt es auch, eine Diskrepanz zu diskutieren: Obwohl nämlich ausländische Studierende an österreichischen Hochschulen einen großen Anteil ausmachen – rund ein Viertel aller Studierender –, bleiben nach Abschluss nicht sehr viele da. Zu den Verbleibsraten gibt es zwar sehr unterschiedliche Zahlen und es kommt dabei auch stark auf Herkunftsland und Studium an, aber Vizerektor Fassmann macht klar: "Es sollten viel mehr bleiben." grafik: der standard Schließlich sei der Verbleib gewissermaßen auch ein "Return on Investment": Das Studium wurde von österreichischen Steuerzahlern zu einem Großteil finanziert. Kreuzhuber zitiert eine Studie, der zufolge allein schon durch die Konsumausgaben positive Effekte entstehen. Und außerdem, merkt Wallner an, kann der österreichische Arbeitsmarkt von mehr Diversität nur profitieren. Man denke an die Kontakte, die dann in die Herkunftsländer geknüpft werden könnten, die sprachlichen Benefits und vieles mehr. Warum viele Österreich verlassen Warum dennoch viele internationale Absolventen Österreich den Rücken kehren – mit dem Abschlusszeugnis im Gepäck –, will Moderatorin Lara Hagen (DER STANDARD) wissen. Die Antwort bekommt das Podium aus den zahlreichen Publikumsmeldungen und -Fragen. Viele Studierende und Absolventen berichten dabei von ihren Erlebnissen mit den Behörden, von für sie nicht nachvollziehbaren Regeln und Entscheidungen. Weniger die eingangs erwähnten kulturellen Eigenheiten, als vielmehr die rechtlichen Einschränkungen machen vielen im Saal den Einstieg in den Arbeitsmarkt schwer, erhält man den Eindruck. foto: apa/dpa-zentralbild/jan woitas Vor allem bei der Rot-Weiß-Rot-Karte gebe es viel Aufholbedarf, sind sich Fassmann, Kreuzhuber und Wallner sicher. Sie sprechen etwa an, dass nur Absolventen eines in Österreich absolvierten Master- oder Diplomstudiums mit einem Job und entsprechendem Gehalt die Karte beantragen können, nicht aber Absolventen eines Doktoratsstudiums. Die sechsmonatige Frist, die man Drittstaatsangehörigen mit Abschluss für die Jobsuche Zeit gibt, sei außerdem zu kurz. Einerseits weil man wisse, dass es auch bei heimischen Absolventen einige Monate dauere, bis sie den ersten Vertrag unterschreiben, sagt Fassmann, andererseits, weil die Beantragung der Karte für Unternehmen zeitaufwendig sei und viele Nerven koste, sagt Kreuzhuber. Verbesserungen absehbar Dass der Eindruck entstehe, dass man "diese Leute eigentlich gar nicht am Arbeitsmarkt haben will und sie über die Bürokratie vertreibt", wie jemand im Publikum anmerkt, wollen die Experten nicht gelten lassen. "Außerdem glaube ich wirklich, dass sich in Zukunft einiges verbessern wird", sagt Wallner. Auch sie habe schon mit Vorurteilen zu kämpfen gehabt, sagt Pavlovic, die in Österreich geboren wurde, aber die mazedonische Staatsbürgerschaft besitzt. Sie wird im Dezember am Bewerbungstraining teilnehmen und erhofft sich nützliche Tipps. "Ich habe großen Respekt vor allen, die in jungen Jahren hierhergekommen sind. Das hätte ich mich nicht getraut. Ihr seid hier, weil ihr etwas gut machen – und nicht andere verdrängen wollt. Ich glaube, hier sollte ein Umdenken stattfinden.

Tageszeitung Der Standard
Medienbericht

Der Alles-was-Zuwanderer-wissen-müssen-Kurs

Heinz Faßmann
2015-11-05

Außenminister Kurz will Werte vermitteln. Wer die Kurse leiten soll, ist noch nicht klar Wien – Welche Werte wichtig sind, das soll ein Kurs Asylberechtigten in Zukunft näherbringen. Das ist eine der 50 Maßnahmen, die Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) für die Integration von Flüchtlingen vorschlägt. "Es geht dabei aber nicht um Schnitzel und Kleidungsvorschriften", erklärt Heinz Faßmann im STANDARD-Gespräch. Vielmehr will der Vorsitzende des Expertenrates für Integration grundsätzliche Inhalte vermittelt wissen, nicht kulturelle. Es seien Inhalte, die schon in der Rot-Weiß-Rot-Fibel enthalten seien. Denn den typischen Österreicher als Vorbild gebe es nicht. "Workshopartige Situationen" Die Themen sollen die Bereiche Rechtsstaat, Menschenrechte oder Liberalität umfassen, ähnlich wie auch im Schulunterricht politische Bildung vermittelt werde: "Alles, was Zuwanderer wissen müssen, um sich in Österreich zurechtzufinden", sagt Faßmann. Zunächst muss aber geklärt werden, in welcher Form die Kurse stattfinden und wer sie leiten soll. Der Integrationsexperte stellt sich "workshopartige Situationen" vor, die auf die "Lebensrealität heruntergebrochen" werden sollen. Kurz möchte die Wertevermittlung in Sprachkurse integrieren, erklärte er am Rande eines Vorarlberg-Besuchs. Der zuständige Integrationsfonds (ÖIF) arbeitet derzeit an der Konzeptionierung der Kurse, Details gibt es noch keine. Außerdem will Kurz Anreize setzen, damit sich die Asylberechtigten an die Werte halten, und eben auch Konsequenzen formulieren, sollte das nicht geschehen. Eine Prüfung wie bei der Staatsbürgerschaft würde Faßmann aber nicht empfehlen. Grüne: "Werte leben, nicht vorgaukeln" "Wir freuen uns auf jeden Fall über ein Lebenszeichen des Integrationsministers", kommentiert SPÖ-Bundesgeschäftsführer Gerhard Schmid den Vorstoß. Er will zuerst aber die Bereiche Arbeit, Bildung und Wohnen "in den Griff bekommen". Die Vorschläge aus dem Integrationsministerium müsse man erst im Detail prüfen. "Wichtig ist, dass die Kompetenzen der Asylberechtigten erfasst und mit dem, was in Österreich verlangt wird, verglichen werden", sagt Schmid im STANDARD-Gespräch Alev Korun, Grünen-Menschenrechtssprecherin, findet interessant, dass Gleichberechtigung von der ÖVP betont werde, "obwohl sie so wenige Frauen in ihren Reihen haben". Ihr Ansatz: "Werte sollen vorgelebt, nicht vorgegaukelt werden." Die Neos finden Gefallen an Kurz' Idee.

Tageszeitung Der Standard
Medienbericht

Sich übers Nähen annähern

Yvonne Franz
2015-09-11
DiePresse
Medienbericht

Vom Arbeitergrätzel zum Hipsterbezirk

Yvonne Franz
2015-08-01
Forschung

Wien: Das Problem mit der Sprache

Heinz Faßmann
2015-07-11

Wien plant eigene Klassen, in denen Flüchtlingen Deutsch beigebracht wird. Auch wenn man im Stadtschulrat lieber von Kursen spricht – Maßnahmen sind dringend notwendig.

 

Ein bisschen Theater war zu erwarten. Integrationsdiskussionen werden hierzulande nie ohne Emotionen geführt. Interessant wird es allerdings, wenn die Behörde die Information aus der eigenen Behörde dementiert. Nicht inhaltlich, sondern in der Wortwahl.

„Die Presse“ berichtete am Samstag, dass Wien eigene Klassen für schulpflichtige Flüchtlinge und Quereinsteiger plant, sie sollen für maximal ein Jahr Deutsch lernen, um dem Unterricht folgen zu können. Die Information dazu kam von Ulrike Doppler-Ebner, zuständig für die Sprachförderung im Wiener Stadtschulrat. In einem langen Interview erklärte sie der „Presse“, wie die neuen Klassen funktionieren werden. Altersübergreifend, flexibel, nicht an jeder Schule, maximal ein Jahr und fünf Tage die Woche, bei Bedarf auch weniger. Und auch nicht die ganze Zeit, weil auch in regulären Klassen der Unterricht verbracht werden soll. Das System solle so flexibel wie möglich gehalten werden. Immerhin sei das Bildungsniveau der Kinder so unterschiedlich. Und ja, man würde lieber Kinder regulär in Klassen integrieren, aber dafür gebe es weder die räumlichen Gegebenheiten noch das Personal. So weit alles richtig.

Mit einem einzigen Unterschied: Im Büro von Stadtschulrätspräsidentin Susanne Brandsteidl möchte man diese Idee als „Kurse für Flüchtlinge“ bezeichnet wissen, wie  eine Sprecherin noch am Freitagabend mitteilte. Immerhin, so die Argumentation, könnte man bei Klasse ja glauben, dass man diese von September bis Juni besuchen müsse und nicht auch unter dem Jahr ein- und aussteigen könnte.

Dahinter steckt eine seit Jahren geführte Diskussion, ob man Kinder, die ein Sprachdefizit haben oder überhaupt kein Deutsch können, in eigenen Klassen auf den Unterricht vorbereiten darf. Die ÖVP fordert das schon lang, die SPÖ hat sich dem immer mit dem Verweis auf Ghettoklassen oder gar Ausländerklassen verwehrt. Die Idee in Wien ist also ein Tabubruch.

Daher überrascht es nicht, dass die ÖVP Wien den Vorschlag für gut befindet und generelle Vorbereitungsklassen fordert – die könnten auch für Kinder gedacht sein, die nach dem Kindergarten noch Sprachdefizite aufweisen. „Das hat nichts mit Ghettoklassen zu tun [.?.?.], sondern wäre eine Initiative, um gleiche Chancen und Fairness herzustellen“, meldete sich ÖVP-Wien-Chef Manfred Juraczka am Samstag in einer Aussendung zu Wort. Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) hat dafür weniger unterstützende Worte für den Vorschlag ihrer Genossen in Wien parat: „Für Kinder und jugendliche Flüchtlinge kann es durchaus sinnvoll sein, mit einem Intensivsprachkurs zu beginnen, in dem sie etwa vier Wochen Grundlagen der Alltagssprache Deutsch erwerben. Auf die Integration der Schüler und Schülerinnen muss jedoch von Anfang an in einer Gruppe Gleichaltriger höchstes Augenmerk gelegt werden“, teilt sie der „Presse am Sonntag“ mit. Und weiter: „Im Besonderen muss auf die aktive Sprachpraxis im Klassenverband geachtet werden. Die Solidarität im Klassenzimmer führt die Kinder auch nach ihren schrecklichen Erlebnissen wieder in eine Normalität zurück.“

Problemfeld Schule

Dabei tut die Stadt gut daran, sich eine Strategie für die Schule zu überlegen. Und zwar eine nachhaltige. 60 Prozent der Wiener Pflichtschüler haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Jeder fünfte Wiener Pflichtschüler mit Migrationshintergrund kann der Unterrichtssprache Deutsch nicht folgen. Insgesamt 12.100 Wiener Pflichtschüler werden daher als außerordentliche Schüler geführt. Die Zahl hat sich in den vergangenen Jahren durch die Flüchtlinge bereits erhöht – Tendenz weiter steigend. „Die Quereinsteiger, die jetzt in die Schule kommen, sind ein erhebliches Problem für das Schulsystem. Das darf man nicht unterschätzen. Und es ist nicht zu erwarten, dass der Strom abreißt“, sagte Heinz Fassmann, Vorstand des unabhängigen Expertenrates im Integrationsministerium bereits am Donnerstag zur „Presse“. Gerade bei jungen Menschen dürfe man nicht bei Deutschkursen sparen. „Sonst hat man eine verlorene Generation an Jugendlichen, die in Österreich bleiben. Und die dann aufzufangen, wird um vieles teurer kommen.“ 

Lange Wartezeiten

Doch nicht nur Schulen haben Probleme mit dem Deutschen. Bis zu einem halben Jahr Wartezeit müssen erwachsene Flüchtlinge derzeit auf einen Sprachkurs warten. Auch wenn die Zahl der Angebote bereits massiv erhöht wurde. Mehr als fünf Monate lagen etwa beim 43-jährigen Syrer Nabil zwischen Grund- und dem weiterführenden Deutschkurs, den er dieser Tage im Institut Update Training im 20. Bezirk absolviert. „Das war schlecht, ich habe alles wieder vergessen“, sagt er. Auch der 21-jährige Mohammad wartete acht Monate, bis er zu einem Kurs zugelassen wurde.

Durch zu lange Wartezeiten würden vorhandene Qualifikationen verschüttet werden. Die Menschen hätten laut dem Experten Fassman Probleme, wieder in den Arbeitsmarkt zu kommen. „Man muss hier klare Prioritäten setzen. Es wird sonst einfach kosten, diese Menschen wieder in eine vermittlungsfähige Position zurückzuholen.“ Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Flüchtlinge rasch wieder zurückkehren, hält er für nicht groß. Syrien, Irak, Afghanistan seien Failed States. Im Gegensatz zu den wohlhabenden (und sicheren) Staaten Europas.

Rund 600 Einheiten, also fast ein Jahr an intensivem Sprachtraining braucht es, damit ein Schüler Deutsch auf B1-Niveau beherrscht, erklärt Alma Memic-Avdic, Bereichsleitung Sprachen bei Update Training. Das Level ist notwendig, um die Ausbildung in Österreich anerkennen zu lassen. Memic-Avdic ist selbst in den 90ern aus Bosnien nach Österreich geflohen. Seit damals, sagt sie, hätte Österreich in Hinblick auf Spracherwerb viel nachgeholt. So viele Kurse wie heute gab es damals nicht.

Jene Generation, die bis heute nicht gut Deutsch kann, ist eine bittere Erinnerung daran. „Wir haben in der Debatte um Deutschkenntnisse sehr lang gewartet, um Entscheidungen zu treffen“, sagt Heinz Fassmann dazu. Zum Glück hätte sich diese Einstellung geändert. Auch bei den Flüchtlingen selbst. „Viele der Schüler sind froh, dass sie bei uns einen Deutschkurs besuchen können und fragen gleich nach Ende, wann sie den nächsten besuchen können“, erzählt Alma Memic-Avdic. Hendea, eine 40-jährige Syrerin, die mit Nabil und Mohammed im Deutschkurs ist, lernt nach dem Kurs jeden Nachmittag mit ihrem Mann und ihren vier fast schon erwachsenen Kindern Deutsch.

Doch muss es immer ein klassischer Deutschkurs sein? Vor allem, wenn keiner vorhanden ist? Dass man beim Sprachunterricht mehr auf neue Medien setzen könnte, schlägt Migrationsforscherin Gudrun Biffl vor. Sie hätte gute Erfahrungen mit Asylwerbern gemacht, die über das Smartphone Deutsch gelernt haben. „Das Handy ist ihr Kontakt in die Heimat, sie können alle damit gut umgehen“, sagt sie. Spezielle Lern-Apps und einmal die Woche ein unterstützender Unterricht, sei eine Idee, wie man Deutschkurse auch abhalten könnte. Nicht in jedem Fall. Aber grundsätzlich müsse man mobiler denken. „Die Leute sind nicht unbeholfen. Die Moderne ist bei den Flüchtlingen angekommen.“

 

Tageszeitung Die Presse
Medienbericht

Neues Islamgesetz mit „Ausschleifregelung“

Heinz Faßmann
2015-07-09

Experte Heinz Faßmann ist für eine Übergangsfrist bei der Einschränkung der Finanzierung aus dem Ausland.

 

Wien. Heinz Faßmann, Leiter des 2011 im Innenministerium eingerichteten Expertenrates für Integration, schlägt einen Kompromiss beim Verbot der Auslandsfinanzierung des Islam vor. Im ORF-Parlamentsmagazin „Hohes Haus“ hat sich Faßmann am Sonntag für eine Übergangsfrist bei der Einschränkung der Finanzierung der betroffenen Vereine ausgesprochen: „Die Menschen müssen eine Chance haben, sich nach neuen Finanzierungsquellen umzuschauen.“ Faßmann, Vizerektor der Uni Wien, plädierte für eine „Ausschleifregelung“ bis zum Inkrafttreten des Auslandsfinanzierungs-Verbots.

Grundsätzlich verteidigte Faßmann das Verbot. Denn die Idee dahinter sei, dass der laufende Betrieb der Religionsgesellschaften aus eigener Kraft finanziert werden könne. Zudem werde etwa die Annahme von Erbschaften weiterhin nicht verboten.

Die SP-Bezirksvorsteherin von Wien-Simmering, Renate Angerer, erwartet sich vom Auslandsfinanzierungsverbot, dass die von der „Islamischen Föderation“ geplante türkischsprachige Imam-Schule verhindert wird. Zur „Presse“ hatte sie gemeint: Man sei getäuscht worden, weil von einem Kindergarten die Rede gewesen sei. Wenn es dort aber eine türkische Imamausbildung geben solle, würde es dem Islamgesetz widersprechen.

Verteidigt wurde die geplante Schule am Sonntag dagegen vom Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), Fuat Sanaç. „Wir können sofort als Unterrichtssprache Deutsch einführen, wenn Österreich die Schule finanziert. Aber das wird nicht gemacht. Die Türkei stellt die finanziellen Mittel zur Verfügung“, so Sanaç, der den Kontakt zur Türkei übrigens selbst hergestellt hat. Die Islamische Föderation ist eine Dachorganisation für Vereine der türkisch-nationalistischen Milli-Görüs-Bewegung in Österreich.

 

Tageszeitung Die Presse
Medienbericht

Jeder achte Zuwanderer ist Student

Heinz Faßmann
2015-05-18

Bis zu 70 Prozent der ausländischen Absolventen bleiben in Österreich. Wer ein Doktorat macht, geht eher. Die Unis fordern eine Ausweitung der Rot-Weiß-Rot-Card.

 

Wien. „Magneten der Neuzuwanderung“: Das seien die heimischen Unis inzwischen, sagt Heinz Faßmann. Konkret sei jede achte Zuwanderung eine studentische Neuzuwanderung. An den Unis bedeutet das: Mehr als ein Drittel der neu zugelassenen Studenten kommen aus dem Ausland, gut ein Fünftel der Absolventen sind Ausländer.

Was deren Pläne nach der Uni angeht, hat der Migrationsforscher gute Nachrichten: Laut einer aktuellen Auswertung der Universitätenkonferenz bleiben nämlich deutlich mehr ausländische Absolventen in Österreich, als vielfach angenommen: 16 Monate nach Beendigung ihres Studiums werden demnach rund 40 Prozent von ihnen erwerbstätig. Zwischen 24 und 33 Prozent bleiben vorerst ohne (sozialversicherungspflichtige) Erwerbstätigkeit – widmen sich also einem weiteren Studium oder seien geringfügig beschäftigt, sagt Faßmann. Zu ähnlichen, sogar noch etwas höheren Werten kam kürzlich eine Auswertung der Statistik Austria („Die Presse“ berichtete). Dass – wie von der OECD vor vier Jahren präsentiert – lediglich 17Prozent der Absolventen in Österreich bleiben würden, sei also „definitiv falsch“, so Faßmann. Auf die Mediziner – über die vor dem Hintergrund der ärztlichen Versorgung besonders erbittert diskutiert wird – könne man diese Ergebnisse aber nicht eins zu eins übertragen.

 

Doktoren ausgeschlossen

Trotzdem fordern die Unis mehr Anstrengungen von der Politik, um die ausländischen Absolventen im Land zu halten. „An einem hohen Verbleib muss Österreich Interesse haben“, sagte Faßmann. Immerhin seien Studenten bzw. Absolventen „ideale Zuwanderer. Sie sind hoch qualifiziert, beherrschen im Regelfall die Sprache des Landes und haben das soziale Kapital, um sich in Österreich zurechtzufinden.“

Es gibt aus der Sicht der Unis nämlich auch eine schlechte Nachricht: Gerade mit Erreichung des höchstmöglichen Abschlusses – also des Doktorats – ziehen viele Absolventen weg aus Österreich. Ein Mitgrund könnte die derzeitige Regelung der Rot-Weiß-Rot-Karte sein, die aus Sicht der Unis dringend reformiert gehört.

Sie schließt nämlich Doktoratsabsolventen aus Drittstaaten aus, wenn sie ihren Master nicht in Österreich gemacht haben. Auch Bachelors dürfen nicht bleiben. Die jährlich 570 Bachelor- und 250Doktoratsabsolventen in die Rot-Weiß-Rot-Karte einzubeziehen würde aber laut Faßmann „sicher nicht zu Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt führen“

 

Tageszeitung Die Presse
Medienbericht

Hälfte ausländischer Doktoratsstudenten bleibt nicht in Österreich

Heinz Faßmann
2015-05-18

Integrationsforscher Heinz Faßmann fordert Reform der Rot-Weiß-Rot Card Wien – Österreich kann hochqualifizierte Akademiker aus dem Ausland, die hier studiert haben, nicht im Land halten. Wie Zahlen der Statistik Austria und eine Auswertung der Universitätenkonferenz (Uniko) zeigen, verlässt die Hälfte der Studenten, die in Österreich ein Doktorat abgeschlossen haben, innerhalb von drei Jahren das Land. Heinz Faßmann, Integrationsforscher und Vizerektor der Universitäten Wien, fordert deshalb einmal mehr die Reform der Rot-Weiß-Rot Card. Die Rot-Weiß-Rot-Karte soll besonders qualifizierte Arbeitskräfte nach Österreich holen. Absolventen eines Doktoratsstudium bekommen aber nur dann die Rot-Weiß-Rot Card, wenn sie hier auch ein Masterstudium absolviert haben. Auch Studenten mit einem abgeschlossenen Bachelorstudium können die Karte nicht beantragen. Laut einem "Internationalisierungspanorama", das Faßmann für die Uniko erstellt hat, verwehrt Österreich damit der Hälfte aller Drittstaatenangehörigen die Möglichkeit einer Rot-Weiß-Rot Card. Um im Konkurrenzkampf um besonders gute Wissenschafter mithalten zu können, fordert Faßmann deshalb eine Öffnung der Karte für alle Bachelor- und Doktoratsabsolventen. "250 Doktors- und 570 Bachelorabsolventen in das Programm aufzunehmen, würde sicher nicht zu einer Verwerfung des österreichischen Arbeitsmarktes führen", sagte Faßmann bei der Präsentation der Studie am Montag. Derzeit bekommen Doktorratsabsolventen nur dann eine Rot-Weiß-Rot Card, wenn sie hier auch ein Masterstudium absolviert haben. "Willkommenskultur noch nicht so weit" "Wir müssen für Attraktivität sorgen, wir haben Konkurrenz." Die Doktoratsabsolventen würden das Land verlassen, weil sie woanders bessere Bedingungen für Forschung vorfinden würden oder "weil es mit der Willlkommenskultur, die politisch postuliert wird, vielleicht doch noch nicht ganz so weit ist". Dennoch: Die Integration innerhalb Europas und der liberale Hochschulzugang führen dazu, dass Österreich beim Ausländeranteil an den Universitäten "Weltspitze" ist, wie Faßmann sagt. "Natürlich liegt das auch an der Attraktivität der Universitäten." Insgesamt sind 26 Prozent der Studierenden an Österreichs Unis Ausländer. 35 Prozent der neu zugelassenen Studierenden im Wintersemester 2013/14 waren keine Österreicher. "Ideale Zuwanderer" "Die Universitäten haben sich als Magneten der Neuzuwanderung etabliert", sagt Faßmann. "Jede achte Zuwanderung ist eine studentische Neuzuwanderung." Ausländische Studierende und Graduierte seien ideale Zuwanderer. "Sie sind hochqualifiziert, beherrschen in der Regel die Sprache des Aufnahmelandes und sie haben das soziale Kapital kumuliert, um sich in Österreich zurechtzufinden." Die meisten ausländischen Studierenden haben die Universität Wien, die Universität Innsbruck sowie die Technische Universität Wien. Die höchsten Ausländeranteile haben die Kunst- und Musikuniversitäten. Am Mozarteum Salzburg liegt er bei fast 60 Prozent. Die Studie hat zudem ergeben, dass wesentlich mehr ausländische Studierende in Österreich bleiben als zunächst angenommen. Eine Auswertung der OECD, wonach nur 17 Prozent nach ihrem Studienabschluss nicht auswandern, sei definitiv falsch. Eine Analyse Faßmanns anhand des Sozialversicherungsstatus hat ergeben, dass mindestens 40 Prozent der Absolventen aus EU-Ländern oder Drittstaaten nach ihrem Studium in Österreich erwerbstätig sind. Weitere 20 Prozent bleiben im Land, arbeiten aber nicht. In der Studie wird angenommen, dass sie entweder weiterstudieren oder eine Familie gründen und sich der Kinderbetreuung widmen. Zahlen der Statistik Austria zeigen, dass 70 Prozent aller Absolventen aus Nicht-EU-Staaten, 75 Prozent aller Studenten aus Deutschland und 80 Prozent der anderen EU-Staaten in Österreich bleiben.

Tageszeitung Der Standard
Medienbericht

University Meets Industry (uniMind)

Yvonne Franz , Heinz Faßmann
2015-04-01
OE1
Medienbericht

Die Arktis ist uns näher als wir denken

Heinz Faßmann
2015-03-09

 

Die Arktis ist uns näher als wir denken

 

Eine Gaspipeline verbindet Österreich mit Nordwestsibirien. Wie es sich am anderen Ende der Pipeline lebt, war die Frage eines Disziplinen übergreifenden Projekts, das insbesondere auf das Phänomen des Fernpendelns aus der Sicht von Migrationsforschung und Sozialanthropologie fokussierte.

 

 

Eine Woche lang strömt das Erdgas, bis es in Österreich ankommt. Es wird nördlich des Ural, auf der Halbinsel Jamal, gefördert. Die enormen Gasvorkommen werden vor Ort von Konzernen wie Gazprom gefördert und deshalb verbringen dort - neben dem indigenen Volk der Nenzen  - mehr und mehr Fernpendler/innen (über 10 Prozent der Mitarbeiter/innen in der Petroleumindustrie sind weiblich) im Rahmen von Schichtarbeit einen Teil ihres Lebens. 

Pipelines aus dem Norden bringen Gas – aber sie regen auch an, Fragen zu stellen; Fragen, denen Gertrude Saxinger und Heinz Faßmann in einem FWF geförderten Kooperationsprojekt zwischen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Wien nachgegangen sind: Wie leben die Menschen, die den kostbaren Rohstoff fördern? Was motiviert sie zum Fernpendeln in den hohen Norden, zu einem Leben auf Achse? Und welche Konflikte entstehen dabei? Heinz Faßmann war in erster Linie an den neuen Formen der Migration interessiert, Gertrude Saxinger fokussierte als Sozialanthropologin auf Aspekte neuer Organisationsformen eines Lebens hoher zyklischer Mobilität und Multilokalität beim Phänomen Fernpendeln. Die Entwicklung von Normalität innerhalb eines extrem mobilen Lebens in einer extremen klimatischen Umwelt steht dabei im Zentrum.

 

 

Arbeit – Reise – Familie

„Wir leben eigentlich zwei Leben in einem“, hörte Saxinger immer wieder bei Gesprächen mit Fernpendler/innen: Ein streng geregeltes Leben im Camp im Norden mit klar strukturierten Aufgaben in der Erdgasförderung; und dann einige Wochen Freizeit mit der Familie. „Eigentlich sind es sogar drei soziale Bereiche, die das Fernpendeln kennzeichnen“, ergänzt die Sozialanthropologin: „Zur An- und Abreise verbringen die Arbeiter/innen nämlich mehrere Tage im Zug von den Zentralregionen in die Arktis. Hier entstehen Gemeinschaften, hier tauschen sie sich mit Menschen aus, die ein ähnliches Leben führen.“ Obwohl Fernpendeln kein rein männliches Phänomen ist, so sind es doch meist die Frauen, die das Familienleben in südlicheren Gefilden organisieren – allerdings erhalten sie eine erhebliche Aufwertung als Familienoberhaupt; die Männer steuern den Verdienst aus der Gasindustrie bei. Der familiäre Zusammenhalt setze großes Vertrauen in die Partnerschaft voraus. Der Großteil der Familien schafft es, sich den Anforderungen des Fernpendelns anzupassen. Somit pendeln Menschen über Jahrzehnte bis zur Pension. Alternative Normen von Familienstruktur und Geschlechterrollen werden entwickelt, die im Alltag in den Herkunftsregionen nichts Besonderes mehr darstellen – denn auch die Nachbarschaft und Verwandtschaft lebt mobil und dies wird an die nächste Generation weitergegeben, so Saxinger.

Formen der Migration

„Diese Art der Arbeitsmigration unterscheidet sich ganz deutlich von der uns vertrauten Siedlungsmigration, bei der ein alter Wohnort aufgegeben und durch einen neuen ersetzt wird.“, macht Heinz Faßmann aufmerksam. Das Phänomen ist aber nicht unbedingt neu, es wurde nur vom Bild einer immobilen, vormodernen Gesellschaft verdrängt. Die Gesellenwanderung, die saisonale Wanderung landwirtschaftlicher Arbeitskräfte oder eine große Zahl „auf der Straße“ lebender sozialer Gruppen hat es gleichsam immer schon gegeben. Was sich jedoch geändert hat, ist die Intensität der räumlichen Mobilität und die dabei überwundenen Distanzen. Fernpendeln wurde zunehmend zur Überlebensstrategie von Haushalten in ökonomisch und oft auch geographisch peripheren Räumen und begegnet uns heute als das Pendeln von Pflegekräften, von Saisonarbeitern im Tourismus oder in der Land- und Forstwirtschaft oder von Arbeitskräften in der Erdöl- und Erdgasindustrie. Fernpendeln ist jedenfalls in Russland kein Randphänomen: Aus der russischen Teilrepublik Baschkortostan – beispielsweise, am äußersten Ostrand Europas gelegen, pendeln etwa 100.000 Menschen aus und sichern dadurch den Lebensstandard der Familien im Süden. Sie tragen auch wesentlich zur sozio-ökonomischen Entwicklung der nach wie vor schwachen russischen Regionen bei.

 

 

„Diese Art der Arbeitsmigration unterscheidet sich ganz deutlich von der uns vertrauten Siedlungsmigration, bei der ein alter Wohnort aufgegeben und durch einen neuen ersetzt wird.“, macht Heinz Faßmann aufmerksam. Das Phänomen ist aber nicht unbedingt neu, es wurde nur vom Bild einer immobilen, vormodernen Gesellschaft verdrängt. Die Gesellenwanderung, die saisonale Wanderung landwirtschaftlicher Arbeitskräfte oder eine große Zahl „auf der Straße“ lebender sozialer Gruppen hat es gleichsam immer schon gegeben. Was sich jedoch geändert hat, ist die Intensität der räumlichen Mobilität und die dabei überwundenen Distanzen. Fernpendeln wurde zunehmend zur Überlebensstrategie von Haushalten in ökonomisch und oft auch geographisch peripheren Räumen und begegnet uns heute als das Pendeln von Pflegekräften, von Saisonarbeitern im Tourismus oder in der Land- und Forstwirtschaft oder von Arbeitskräften in der Erdöl- und Erdgasindustrie. Fernpendeln ist jedenfalls in Russland kein Randphänomen: Aus der russischen Teilrepublik Baschkortostan – beispielsweise, am äußersten Ostrand Europas gelegen, pendeln etwa 100.000 Menschen aus und sichern dadurch den Lebensstandard der Familien im Süden. Sie tragen auch wesentlich zur sozio-ökonomischen Entwicklung der nach wie vor schwachen russischen Regionen bei.

 

 

Saxinger hat während der letzten Jahre viele Monate in der Arktis verbracht und neben Arbeiter/innen großer Förderfirmen wie Gazprom auch Industriearbeiter/innen der Anlagenbauer kennengelernt, sowie auch Leute der indigenen Bevölkerung der Nenzen. Die vergleichsweise größte Wertschätzung durch Mitarbeiter/innen erfahren Großkonzerne wie Gazprom oder Rosneft. Solche staatsnahen Konzerne können langfristige Sicherheiten, hohe Gehälter und Sonderleistungen bieten. Sie setzen einiges daran, das Leben in der Kälte und unter schwierigen Lichtverhältnissen zu erleichtern. Viel weniger lukrativ ist es, in der Erschließung der Gasfelder zu arbeiten, wo Auslagerung und Subunternehmertum mit weniger guten Arbeitsbedingungen weit verbreitet sind. Neue Quellen werden meist von kleineren Anlagenbaufirmen mit einem flexiblen Arbeitskräfte-Pool in vergleichsweise kurzer Zeit erschlossen. Sobald das Gas strömt, ziehen sie weiter. „Das ist sicherlich auch ein Grund, warum die Firmen meist mit Pendlern aus der Ferne arbeiten. Denn Mitgliedern der indigenen Nenzen fehlt zum einen die adäquate Ausbildung für attraktive Posten, da es hier an einer entsprechenden Qualifizierungspolitik seitens des Staates und der Konzerne fehlt. Zum anderen sind sie weniger bereit, ihre Gemeinschaften und ihre traditionelle Lebensweise gänzlich aufgeben, nur um mit Erschließungsfirmen von Ort zu Ort zu ziehen“, berichtet die Sozialanthropologin.

Reich an Gas, reich an Konflikten

 

 

Die Halbinsel Jamal wird seit mehreren Tausend Jahren von nomadischen Rentierzüchtern bewohnt. Heute leben dort etwa 15.000 Angehörige der Nenzen, die seit einigen Jahrzehnten Konkurrenz um das von ihnen genutzte Land bekommen haben. In den Tiefen lagern ungeheure Erdgasreserven, die als die Stütze der russischen Wirtschaft gelten. Die Energie aus dem Norden hat ihren Preis – den allerdings nicht nur diejenigen bezahlen, die die Energie auch konsumieren. Speziell für die Nenzen bedeutet der Gasreichtum eine Beschneidung ihres traditionellen Wirtschaftsraums. Sie und ihre Rentierherden spüren die Last der Umweltzerstörungen hautnah. Entschädigungen oder Mitspracherechte sind für die etwa 15.000 Nenzen in Jamal äußerst schwierig zu erkämpfen. „‘Reich an Gas‘ bedeutet für die Förderindustrie und für jene, die in der Förderindustrie arbeiten, aber auch: ‚abhängig vom Gas‘ und damit abhängig vom Weltmarkt und abhängig von der Weltpolitik“, macht Migrationsforscher Faßmann aufmerksam. Rohstoffreichtum stellt auch so etwas wie eine ökonomische Falle dar, die Weiterentwicklung und Innovationen verhindert.

Perspektiven wechseln. Immer wieder!

„Die Arktis ist uns näher als wir denken“, fasst Saxinger zusammen. Der Zugang aus der Sicht von Sozialanthropologie und Migrationsforschung ist darauf ausgerichtet, ein zusammenhängendes, holistisches Verständnis für ein soziales Phänomen zu ermöglichen: ausgehend von Gemeinschaften in entlegenen Gebieten bis hin zu globalen Zusammenhängen. Das Projekt habe zudem auf einer theoretischen Ebene gezeigt, wie sich eine neue Migrations- und multilokale Lebensform etabliert hat, und wie Gesellschaften lernen, mit Umständen, die für ein traditionelles Familienleben alles andere als förderlich sind, umzugehen, so Faßmann. Neue Formen des Zusammenlebens bringt die zunehmend mobilere Welt zwangsläufig mit sich und diese Formen müssen für die Menschen nicht unbedingt negativ sein, ergänzt Saxinger.

FWF-Projekt Leben auf Achse - Vakhtoviki in Nordwest-Sibirien

Kontakt

 

Prof. Heinz Faßmann, Geograph und Migrationsforscher an Universität Wien und ÖAW
Dr.in Gertrude Saxinger, Sozialanthropologin an der Universität Wien

 

Akademie-News
Medienbericht

Neue Gemeindestruktur stoppt Landflucht nicht

Heinz Faßmann
2015-02-20

Neue Gemeindestruktur stoppt Landflucht nicht

Immer mehr Menschen zieht es in die Stadt, die Bevölkerung am Land schwindet - ein Trend, auch in der Steiermark, und dieser Trend wird, geht es nach Bevölkerungsforscher Heinz Fassmann, auch mit neuer Gemeindestruktur nicht abreißen.

Die aktuellen Zahlen der Statistik Austria zeigen deutlich, dass auch in der Steiermark der Trend klar in Richtung Stadtbesiedelung geht: Allein im Großraum Graz haben sich im vergangenen Jahr 5.000 Menschen neu niedergelassen, während sieben steirische Bezirke teils erhebliche Bevölkerungsrückgänge aufwiesen.

Keine Trendumkehr durch Reform

Und diese Entwicklung könne auch die Gemeindestrukturreform nicht stoppen, sagt der führende Bevölkerungsforscher Österreichs, der Wiener Heinz Fassmann - die neue Struktur könne die Landflucht maximal verlangsamen.

Laut Fassmann liegen „die wesentlichen Ursachen in den wachsenden Attraktivitäten der Städte. Die Städte sind heute Bildungsorte geworden, Universitäten befinden sich dort. Und mit dieser Entwicklung unserer Gesellschaft steigt auch der Bedeutungsbereich des gesamten tertiären Bildungssektors. Also wer Bildung konsumieren will, muss in die Stadt. Wer dann vielleicht auch einen bildungsadäquaten Job antreten möchte, muss gleich auch in der Stadt bleiben und hat wenig Chancen, wieder zurückzugehen.“

Stärkung durch Anbindung

Die naheliegende Idee, den ländlichen Raum durch neue Bildungsinstitutionen zu stärken, wäre laut Fassmann aber kontraproduktiv: „Dort, wo ich die Bildungsinstitution hinsetze, dieser Ort würde sich dann zu einem zentralen Ort entwickeln und würde abermals den umgebenden ländlichen Raum aussaugen.“

Ein besserer Ansatz sei es, den ländlichen Raum stärker an die Stadt und die Stadtregionen anzubinden, etwa über eine bessere Erreichbarkeit, damit auch die Bevölkerung am Land vom Bildungssystem und Arbeitsmarkt der Stadt profitieren kann: „Der ländliche Raum im Einzugsgebiet zu einer Stadtregion hat gute Chancen, die Bevölkerung zu erhalten und zu bewahren und auch attraktiv zu bleiben.“

Auch Städte vor Herausforderungen

„Die Ballungsräume stehen meiner Ansicht nach vor zwei großen Herausforderungen: Das eine ist sicherlich Attraktivität erhalten, im Bildungsbereich beispielsweise. Universitäten sind sehr wichtig, Forschungseinrichtungen sind sehr wichtig, Konzernzentralen. Aber auch die Anbindung über Flughäfen oder Hochleistungsbahnen an größere Netze ist auch ganz wichtig“, so Fassmann. Und weiter: „Die zweite Herausforderung, weil auch die Balungsräume selber sich ungleich entwickeln: Wir haben die Kernstädte und die verlieren eher an Wohnbevölkerung und geben diese an die suburbanen Bezirke um die Stadt herum ab und da müssen wir schauen, dass wir eine gute Planung haben.“

Stadt und Umgebung fusionieren

„Das ist auch die Schwierigkeit, denn wir haben derzeit ein Planungssystem, das das Land umfasst und dann die Gemeinde. Und eine Gemeinde kann für sich relativ autonom planen. Aber wir haben wenig Regionalplanung - Stadtregionalplanung - und dieses Defizit auszugleichen, das ist eine ganz wichtige Notwendigkeit, ist im Regierungsprogramm auch angedeutet, aber harrt der Realisierung“, meint Fassmann.

Auch stießen erste Versuche, etwa Graz mit seiner Umgebung zu fusionieren, zuletzt auf heftige Gegenwehr - mehr dazu in Skepsis im Umland zu Groß-Graz (21.6.2012).

ORF Steiermark
Medienbericht

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